Blattgold in der Medizin

von Eberhard Hilsdorf (Park Apotheke Schwabach)

Gold   Goldbüchlein
 

Gold im Altertum

Gold schrieb man schon im Altertum große Heilkraft zu. Blattgold wurde häufig als Ausgangssubstanz für Arzneien eingesetzt.

In Indien war es im Zeitalter Susrutas(I) üblich, Goldblätter sieben mal zum Glühen zu erhitzen und dann in Wein sowie verschiedenen anderen Flüssigkeiten abzulöschen. Dem Elixier (arab. al-ixir) wurden besondere Eigenschaften zugeschrieben: Es sollte lebensverlängernd wirken und die krankheitsverursachenden Stoffe austreiben. Persische und arabische Ärzte(II) verordneten Gold als Herzstärkungsmittel.
Auch in China wurde es zur Herstellung von Präparaten zur Lebensverlängerung verwendet.
Gold im Mittelalter
Im Mittelalter mischten sich Religion, Mystik und Alchemie bei der pharmazeutischen Verwendung von Gold in besonderem Maße.
Das Gold entsprach der Sonne, die Sonne dem Herzen (Symbolik der „drei Sonnen“: Das kosmische Gestirn, das metallische Gold und das menschliche Herz).
Die Stärkung des Herzens lag bei Sol, der Sonne, bzw. dem ihr entsprechenden Aurum septem sigilli, dem Gold der sieben Siegel. Dieses „philosophische Gold“ sollte, mit „philosophischem“, regeneriertem Wein hergestellt, das berühmte Aurum potabile geben (s.u.).
Die Alchemisten des Mittelalters wollten die Naturkräfte, die in der Erde wirken, aus dieser gewinnen und in einer Tinktur (Tinctura von lat. tingere = färben) konzentrieren.
Mit diesem Konzentrat an Naturkräften wollten sie aus unedlen Metallen Gold machen. Eine solche Tinktur wäre der Stein der Weisen (Lapis philosophorum) gewesen. Sie glaubten, in ihr würden sich die Kräfte der Natur in einer geringen Menge Goldes konzentrieren.
Das gelöste Gold sollte die Tinktur rot färben. Es würde- eingebracht in die Schmelze eines unedlen Metalls wie zum Beispiel Blei- dieses sofort in Gold verwandeln. Von dieser roten „Goldt Tinktur“ glaubten die Alchemisten, dass sie das Allheilmittel sein würde, das die Menschheit nicht nur von Krankheit sondern auch vom Tod erlösen können würde. Die „Goldt Tinktur“ ist die Vorläuferin der späteren Goldtropfen, die noch heute als Herz/Kreislaufmittel (allerdings ohne Gold) im Handel sind.
Später wurde allen gelb gefärbten Lösungen in Anlehnung an die Farbenlehre des Aristoteles (die Farbe bestimmt die Eigenschaft eines Körpers) bereits Goldwirkung zugeschrieben.
Im Orient wurden Safran und Gelbwurz Beziehung zur Sonne nachgesagt, bei uns wurden diese Drogen den Goldtinkturen zugesetzt.

Trinkgold (Aurum potabile)
Auch Aurum potabile ist ein Produkt der Alchemie des Mittelalters. Neben mystischen Grundsätzen gab es für die praktische Herstellung vielfältige Vorschriften: Meist wurde Goldpulver, Blattgold oder Goldfeile mit Weingeist behandelt(III), später auch mit Säften, Essig, Salz-, Salpeter- und Essigsäure bzw. alkalischen Flüssigkeiten. Das Gold wurde dabei je nach Behandlung mehr oder weniger gelöst. Einerseits wurde die Verwendung von Königswasser (welches Gold löst) zu Beginn als zu scharf angesehen(IV), andererseits gab es ab dem 17. Jahrhundert sowohl Vorschriften „ohne Schärfe“ als auch mit Lösen des Goldes in Königswasser.
Trinkgold wurde auch in Kombination mit anderen Ingredienzien vielfältig eingesetzt. „Es treibet den Schweiß mächtig“.
Knallgold (Aurum fulminans)
Es ist seit dem ausgehenden 16. Jh. bekannt und wurde zuerst beschrieben bei Basilius Valentinus. Es wurde in die Erstmals Nürnberger Pharmakopöe von 1666 aufgenommen. Auch für Knallgold gab es komplexe Herstellungsverfahren:
Gold wurde in „Aqua fort“ (Salpetersäure), dem man „Sal armoniacus“ (Ammoniumchlorid) zugesetzt hatte, gelöst und anschließend mit „Ol. Tartari“ (Kaliumkarbonatlösung) –alternativ auch mit „Spiritus urinae“ (hergestellt aus gefaultem, destillierten Urin und Weingeist) bzw. „Spiritus armoniacus“- gefällt und vorsichtig getrocknet.
Als Endprodukt entsteht ein Gemisch aus Sesquiaminaurioxid und Diamidoimidoaurichlorid(V) .
In getrocknetem Zustand detoniert es bei Schlag oder Erhitzen.
Auch Knallgold wurde im Mittelalter in unterschiedlicher Weise mit anderen Stoffen vermischt medizinisch angewendet. Neben der schweißtreibenden und abführenden Wirkung wurde die Anwendung gegen „melancholische Krankheiten“ sowie als „letztes Mittel bei verzweifeltsten Krankheiten und bösen hitzigen Fiebern“ gelobt.

Paracelsus (1493 – 1541) hatte Gold als Mittel gegen Infektionskrankheiten, eitrige Wunden bzw. Lepra gepriesen.
Allgemein galt Gold in verschiedenen Pulvern verarbeitet als Arznei zur Herzstärkung und gegen Epilepsie.
Zusammen mit Quecksilber und Antimonsulfid wurden später verschiedene Arten von Pillen mit Gold gegen Syphilis eingesetzt.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts geriet der medizinische Gebrauch des Goldes in Vergessenheit.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde es als Natriumgoldchlorid bzw. Goldcyanid erneut gegen Syphilis und Tuberkulose verwendet.
Die wissenschaftliche Untersuchung setzte erst mit der Entdeckung von Koch (1890) ein, dass die Vermehrung von Tuberkelbazillen von Kalumgoldcyanid bereits in einer Verdünnung von 1:2.000.000 stark gehemmt wird.

Gold im 20. Jahrhundert

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es im damaligen Deutschen Arzneibuch und anderen Veröffentlichungen (Hagers Handbuch) einige Beispiele für den medizinischen Einsatz von Goldverbindungen:

Blattgold
diente zum Vergolden von Pillen.
Colloidales Gold
(Aurum colloidale) bildet eine tiefrot gefärbte Goldlösung aus gefälltem, sehr feinverteilten Gold. Verwendung in Anlehnung an Überlieferungen des Mittelalters innerlich bei Verdauungsschwäche, innerlich und äußerlich gegen Syphilis und Krebs in Form diverser Pillen und Sirupe.
Goldbromid
(Aurum tribromatum) gegen Epilepsie.
Kalium-Goldbromid
(Aurum-Kalium bromatum) gegen Epilepsie.
Goldchlorid
(Aurum chloratum) als Ätzmittel zur Behandlung von Krebs(VI).
Natrium-Goldchlorid
(Auro-Natrium chloratum) zum Einreiben der Zunge und des Zahnfleisches bei Syphilis.
Ammonium-Goldchlorid
(Auro-Ammonium chloratum)
a) zusammen mit Strychninnitrat, Atropinsulfat und Cocaextrakt (!) als „Keeley`s Goldcure gegen Trunksucht“.
b) in verschiedenen Rezepturen als Pillen und Tropfen gegen Syphilis sowie verschiedene Frauenkrankheiten.

Einige dieser beschriebenen Anwendungen waren bereits damals umstritten und hatten nur noch historische Bedeutung.
In der Folge wurde weiterhin mit Kaliumaurocyanid gegen Tuberkulose experimentiert(VII). Auch andere, organische Goldverbindungen wurden versuchsweise dagegen eingesetzt:

• Aurocanthan (VIII)
• Krysolgan (IX)
• Sanocrysin (X)

Beispiele organischer Goldverbindungen

Organische Goldverbindungen erwiesen sich als weniger toxisch.
Die später entwickelten Stoffe wiesen auch eine gewisse chemotherapeutische Wirkung gegen Trypanosomen (Erreger der Schlafkrankheit) und Spirillen auf(xi):
• Solganal, Solganal B (Aurothioglucose)
• Sulfoharnstoff
• Triphal
• Allochrysine(XII)

Zufriedenstellend wirkten diese Goldverbindungen aber nur gegen die sog. Frambösie (tropische Infektionskrankheit mit syphilis-ähnlichem Verlauf).
Seit 1929 wurden Solganal B(XIII), später auch Myochrysin und Lauron (Aurothioglycamid) gegen rheumatische Arthritis eingesetzt.

Gold in der modernen Therapie

Noch heute werden organische Goldverbindungen erfolgreich zur Behandlung mancher Formen von Chronischer Polyarthritis verwendet:
Das Präparat Tauredon® enthält Natriumaurothiomalat und wird intramuskulär verabreicht.
Auranofin ist die bisher einzige oral einsetzbare organische Goldverbindung.
Aurothioglucose und Aurothiopolypeptid werden wie Tauredon® intramuskulär angewendet.
Es wird diskutiert, dass organische Goldverbindungen zu einer vermehrten Bildung von bestimmten Interleukinen(XIV) führen. Interleukine sind Signalstoffe des Immunsystems, verantwortlich für Einleitung und Verlauf von Immunreaktionen sowie der Antikörperproduktion.
Dabei soll es zu einer Immunstimulation kommen, die wahrscheinlich zu den positiven Behandlungseffekten beiträgt(XV).
Kolloidales Gold [198Au-Isotop] wird als Radionuclid zur Behandlung bösartiger Ergüsse im Bauchraum sowie in Form von Körnern zur Implantation in Tumorgewebe eingesetzt.

Goldverbindungen in der Homöopathie

(gemäß der homöopathischen Arzneimittellehre)

Natriumtetrachloroauratum
gegen bestimmte Entzündungen sowie chron. Lebererkrankungen
Aurum arsenicosum
gegen Angina pectoris
Aurum bromatum
gegen Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Angina pectoris
Aurum chlorarum
gegen Angina pectoris und bestimmte Gebärmuttererkrankungen
Aurum colloidale
gegen Schleimhauteiterungen, Knochen-/ Knochenhautentzündungen, Bluthochdruck, Angina pectoris

(I) = 1000 – 600 v.Chr.
(II) = Avicenna
(III) = Villanova, um 1240 – 1312, Rupescissa, um 1300 – 1365
(IV) = Brunschwig, um 1450 – 1512
(V) = 2 Au(OH)3 . NH2 + ClNH2 . Au-NH-AuNH2Cl, nach vollständigem Trocknen Au2O3 . 3NH3
(VI) = Landolfi
(VII) = Bruck und Glück 1913, gegen extrapulmonale Tuberkulose
(VIII) = Feldt 1913 aus Cantharidin, Äthylendiamin und Goldsalz
(IX) = Feldt 1915
(X) = Natriumaurothiosulfat, Na3Au(S2O3)2, Mollgaard 1924
(XI) = Fischl 1930
(XII) = Lumière und Perrin, 1927
(XIII) = durch Forrestier
(XIV) = Il -6 und Il-10
(XV) = Ernestam S, Lampa J, Rogberg S, Ronnelid J, Klareskog L, Hafstrom I., 2003

Dank gebührt dem Institut für Geschichte der Pharmazie, Philipps-Universität Marburg, für Unterstützung bei der Literatursuche. Literaturliste kann bei dem Verfasser angefordert werden